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stille handwerkerin

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stille handwerkerin*

Auf Besuch in einem Ein-Frau Handwerksbetrieb im Linsebühl, St.Gallen

Mobirise

Sie misst, berechnet und überlegt: Anna Bruderhofer zeichnet Schnittmuster und setzt dabei Ideen von Schweizer DesignerInnen um.

Durchs Fenster kann man ihr beim Arbeiten zusehen: Anna Bruderhofer steht am Zeichnungstisch, schiebt den Massstab hin und her und zeichnet Linien auf Papier. Geht jemand vorbei, schaut sie manchmal kurz auf. Dann arbeitet sie still weiter. Es braucht einiges an Überzeugungskraft, um Anna Bruderhofer interviewen zu dürfen. Doch einige Spaziergänge an ihrem Atelierfenster vorbei zeigen Wirkung, und so treffen wir uns an einem sonnigen Morgen in ihrem Atelier, das nicht nur Arbeitsraum, sondern auch Lebensraum zu sein scheint. Daran erinnern kleine Details wie die Kunstkarten an der Wand, der Strauss auf dem Tisch, die rote Säule inmitten des Raumes

Ideen überprüfen
Anna Bruderhofer bereitet an ihrer kleinen Café-Bar einen Espresso. Dann erklärt sie ihren Beruf, der gar nicht so bekannt ist, da er sich von der Tätigkeit einer klassischen Schneiderin unterscheidet. «Die DesignerInnen bringen mir ihre gezeichneten Entwürfe, und ich zeichne dann daraus die Schnittmuster», sagt sie. Es ist meine Aufgabe herauszufinden, ob die Ideen der Designer überhaupt in Stoff umsetzbar sind», sagt sie. «Manchmal entwerfen die Designer Dinge, die zwar gut aussehen, aber praktisch nicht möglich sind». Um beurteilen zu können, was machbar ist, muss man sich im Schneidermetier auskennen. Das tut Anna Bruderhofer. Die Rheintalerin hat zuerst in Widnau Konfektions- und Industrieschneiderin gelernt und sich dann in Design und Schnitt ausgebildet, bevor sie bei verschiedenen Designerinnen in Zürich gearbeitet hat. Mit 30 Jahren hat sie sich selbständig gemacht. Ein mutiger Schritt in einem eher brotlosen Beruf. Mit ihrem Mann lebt sie gleich über die Strasse in einer Jugendstilwohnung. Ihr Arbeitstag ist lange und dauert oft von 7 bis 19 Uhr. «Im Handwerk muss man sehr viel produzieren, bis man auf einen Lohn kommt», sagt sie. Manchmal beneide sie Angestellte. «Sie können den Bleistift ablegen und verdienen dennoch. Im Moment wo ich Pause mache, kommt gar nichts rein». Trotzdem: Bruderhofer ist alles andere als verbittert. Im Gegenteil. Sie scheint diesen stillen, exakten Beruf zu lieben. Und wenn man von aussen an ihrem Fenster vorbeigeht strahlt diese Ruhe ins Quartier.

Uniformen sind Knacknüsse
Anna Bruderhofer nimmt ein Schnittmuster von der Stange. «Das wird ein Blazer», sagt sie und legt 40 Papierteile auf den Tisch. So viel braucht es für einen simplen Blazer. Das ist mehr Arbeit als man denkt. Manche Schnitte probiert Bruderhofer in Stoff aus, um zu wissen, ob sie auch funktionieren, meistens arbeitet sie aber mit Papier. Uniformen sind eine Knacknuss. Zu gut erinnert Bruderhofer sich bei der Erstellung der Neuuniformierung der Swiss vor einigen Jahren. Uniformen müssen bequem sein, viele Ansprüche erfüllen und erst noch chic aussehen. Dazu kämen manch knifflige Details: In der Brusttasche sollte zum Beispiel ein gefaltetes A4-Blatt-Platz haben, oder an den Schultern müssten Abzeichen eingereiht werden können. «Bis das alles steht, gehen manche Telefonate zwischen mir und der Designerin hin und her», sagt sie.

Kleider aus der Schweiz
«Da ich mein Geld mit Kleidern in der Schweiz verdiene, kaufe ich selten Kleider aus anderen Ländern», sagt Bruderhofer auf die Frage, woher ihre Kleider stammten. «Ich habe lieber wenige, dafür hochwertige Kleider: im ganzen sind es nicht mehr als eine Kleiderstange voll». Wir schauen aus dem grossen Fenster des Ateliers. Da steht ein grosser Kastanienbaum, den Bruderhofer direkt von ihrem Zeichnungstisch aus sieht. Er scheint zu einem besonderen Freund geworden zu sein in all den Jahren. « Manchmal denke ich, ich sollte den Beruf wechseln. Nach über 20 Jahren alleine Arbeiten, wird man da nicht etwas komisch?» Das Telefon klingelt. Eine Designerin ruft an. Herzlich und mit Witz spricht Bruderhofer mit ihrer Auftraggeberin. Es wäre doch schön, wenn in diesem Hinterhofatelier in St.Gallen noch lange gezeichnet würden. 

*St.Galler Tagblatt, Katharina Schwander

anna bruderhofer schnitttechnik
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